Bisher waren immer alle zufrieden

im Rahmen des VORBRENNER Freies Theater Innsbruck

Der Theaterraum des Freien Theater Innsbruck wird vom KünstlerInnenkollektiv baer bearbeitet. Auf der Bühne steht eine Getränkeausschank. Rundherum erstreckt sich eine räumliche Struktur aus Logen, die gleichsam schützt wie ausstellt und dazu einlädt, die Herkömmlichkeit dieses Ortes zu überwinden. Nebenbei erfüllt die Bar auch ihre gewohnte Funktion. Prost.

Freitag 29. April; 19 und 20.30 Uhr; jeweils 75 Minuten

An diesem Projekt sind beteiligt: Arthur Summereder, David Postl, Johannes Franz, Michael Suszynski, Philipp Leissing, Sarah Kienpointner, Thomas Lehner

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“Innsbruck, April 2016. Wie meistens habe ich viel zu tun. Wir bauen im Kunstpavillon gerade eine Ausstellung auf, für die auch noch ein Text zu verfassen ist, bereiten eine Vorstandssitzung und eine Generalversammlung  vor und natürlich langen davon völlig unbeeindruckt weiterhin viele E-Mails ein. Darunter ist eines der KünstlerInnengruppe BAER, die mich zu einer Liquid Performance in das Freie Theater Innsbruck einlädt. Das klingt interessant. Es braucht aber einen „Anstupser“, für den ich mich an dieser Stelle in aller Form bedanken möchte. Sarah Kienpointner, Künstlerin, Mitglied der Tiroler Künstlerschaft und Teil des BAER-Kollektivs, schreibt mich nochmals persönlich an und teilt mir mit, dass es nur noch wenige Restkarten gibt. Ob ich nicht eine davon haben möchte. Ich will und es gibt zum Glück sogar noch eine weitere Karte für meinen Partner. Gänzlich unvorbereitet rauschen wir ein. Was wird uns erwarten? Den Titel „Bisher waren immer alle zufrieden.“ finde ich witzig. Ist heute der Tag, an dem das nicht mehr der Fall ist? Werden wir aus unserer Komfortzone geworfen werden?

Gästeliste, Garderobe, Sektempfang ebendort. Einige bekannte Gesichter. HALLO!

Als eine der ersten werde ich mit meinem Plus 1 aufgerufen und in den dunklen Theatersaal geführt. Dort erwartet uns ein in warmem Licht erleuchteter Kubus, in dessen Innerem sich eine Bar befindet. Der Tresen ist in einem Rechteck rund um einige Kühlschränke gebaut. Die übrige Architektur, also Außenhaut, abgehängte Decke und die Kojen oder Logen, die in unterschiedlichen Größen den Raum um die Bar strukturieren, besteht ausschließlich aus einem Flies-artigen, hellen Material. Wahrscheinlich irgendein zweckentfremdetes Produkt vom Baustoffhändler. Das gefällt mir. Es ist irgendwie, als würde man in einem Lampenschirm platznehmen. Langsam füllt sich die Bar und eine Koje nach der anderen wird von Gästen bezogen. Oje, einige sind ganz alleine in ihren Logen. Eine Einzelzelle? Ist gesellschaftliche Isolation bzw. sind Ein- und Ausschlussmechanismen das Thema? Blödsinn. Die Wand ist aus textilem Material, das man hochheben und die Nachbarin begrüßen kann. Ist das ein Verstoß gegen die Spielregeln? Handlungsanweisungen wurden uns keine gegeben. Na also.

Von den freundlichen jungen Herren hinter der Bar – Schauspieler oder Kellner? – werden uns Getränke angeboten. Ich nehme ein Glas Weißwein und bekomme dafür zwei Euro. Verkehrte Welt. Danach entschließe ich mich für einen Cocktail, der nach einer amerikanischen Luxuslimousine benannt ist, aber leider scheußlich schmeckt. Immerhin erhalte ich vier Euro dafür. Fast bin ich enttäuscht, dass das Wasser kostenlos ist. Pause.

Wir gehen nach draußen, um zu rauchen. 2. Akt. Wir finden uns an der Bar wieder. Einige haben die Kojen getauscht oder besuchen sich. Die ersten Witze werden erzählt. Wir bestellen weitere Getränke und müssen dafür bezahlen. Ich glaube auch, dass das Personal gewechselt hat. Mittlerweile werden die Witze quer über die Bar gerufen. Eine Frau, die nicht so geübt im Witze erzählen ist, entscheidet sich dafür ihren den Leuten in der Nachbarloge leise zu erzählen. Stille Post durch die textile Wand. Als die Sperrstunde ausgerufen wird, ist der Witz noch nicht bei uns angekommen. Der Mann, bei dem er inzwischen angelangt ist, erzählt ihn laut. Die Frau sagt mir später, dass die Geschlechterrollen auf dem Weg ausgewechselt wurden. Das passt irgendwie zu dem Abend.

„Bisher waren immer alle zufrieden“ würde ich – nüchtern und aus der Distanz einiger Wochen betrachtet – als soziale Plastik beschreiben:  ein wohldurchdachtes und auch stimmungsvolles räumliches Setting, in dem das Programm von den Gästen kam. Vorgegeben waren nur die Raumstruktur und die Umkehrung des Zahlungsverkehrs im ersten Teil. Ungezwungen wurde man Teil des Werks, das als niederschwelliges, gesellschaftliches Event aufgesetzt war und gleichzeitig unprätentiös viele Fragen zum Zustand der Gesellschaft von deren Konsumveralten bis hin zu In- und Exklusion aufgeworfen hat.”

Ingeborg Erhart, Kuratorin und Geschäftsleiterin der Tiroler Künstlerschaft

 

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