Fragebogen zur kollektiven Kunstpraxis

„Ihr praktiziert eine Form der kollektiven künstlerischen Praxis, die eine möglichst große Offenheit zuläßt, nicht alle zur Gruppe gehörenden Mitglieder sind automatisch an allen bisherigen Aktivitäten beteiligt, gleichzeitig arbeitet Ihr auch Einzeln.

Was war der Grund sich für diese Form zu entscheiden? Kommt es dabei nicht leicht zu Konflikten hinsichtlich kollektiver und individueller Autorenschaft und Aufgabenverteilung?“
Mona Hahn

Bei all den Hürden, die Künstlergruppen zu meistern haben, gilt es die besonderen Chancen, welche sie für ihre Mitglieder bereithalten, nicht zu vergessen. So sind Künstlergruppen oft bunter, vielfältiger und nicht selten lebendiger. Künstler in Künstlergruppen lernen zwangsläufig zu interagieren und sind daher sozial oft überdurchschnittlich kompetent. Außerdem zeigen sie sich nicht selten konfliktfähiger und toleranter.

Nicht nur einmal ist das Wort U-Boot als Metapher für die Gruppe gefallen. Eine Gruppe die ständig ihr Periskop ausgefahren hat, nicht zuletzt eben weil sie aus einzelnen Personen besteht, die auch kommen und gehen, teilnehmen oder nur betrachten, und immer neue Sichtweisen bringen bevor das U-Boot wieder kurzzeitig abtaucht. So zu sagen Kollektiv-Künstler mit impliziertem Publikum. Diese Rollen ändern sich mehr oder weniger oft und nicht voraussehbar. Wenn eine Einzelperson Kunst produziert, ist sie zu nah dran um auch ein guter Betrachter der eigenen Kunst zu sein. Eine dezidierte Strategie in dieser Gruppe zu arbeiten gibt es aber nicht, was sich z.B durch die nicht vorhandene namentliche Autorenschaft ausdrückt.

Diese Form ergab sich im laufe der Zeit, wir mussten nicht einmal viel dazu beitragen, dass es sich so wie es jetzt ist, entwickelt hat. Es ist quasi aus unserem Biorythmus entstanden, genauso wenn wir sagen, dass wir uns um 14Uhr treffen und jeder erst um 15Uhr auftaucht, hat sich auch diese künstlerische Praxis natürlich entwickelt. An den Themen Verantwortung und Disziplin mussten wir oder müssen wir noch arbeiten, da letztendlich doch die meiste Arbeit an den 2-3 üblichen Personen „hängenbleibt“. Bis dato ist noch kein Konflikt entstanden zwischen Einzelprojekten und Gruppenprojekten, die Gruppe ist stark und kann viel auffangen, was für einen Einzelnen nicht zu tragen wäre….

Die größtmögliche Offenheit ermöglicht weitgehend zwanglose, freie Entscheidungen der/s Einzelnen. Ich glaube, dass nur so ein ehrliches, eigenes Gemeinsames entsteht, das über den kleinsten Nenner möglichst weit hinaus geht und eine Form sucht, die sich nicht am Klischee Gruppe orientiert, sondern an uns als Gemeinsames und an jeder/m von uns als Einzelne_n. Beides soll nebeneinander und langfristig bestehen, deshalb vermischen sich auch kollektive und individuelle Praxen bezüglich des künstlerischen Tuns, des Überlebens, der Erholung. Zu erwähnen ist auch die Ausbildungssituation, in der wir uns befinden, als ein wichtiger Faktor für die Gruppe. Konflikte sind Ausdruck für Aushandlungsprozesse, insofern empfinde ich sie als wichtig. Eine Entscheidung für eine klarere, strengere Ein- und Abgrenzung, und somit auch Reglementierung würde zur Erstarrung der Gruppe führen – eben genau diese Flexibilität und Offenheit, die teils bewusst, teils unbewusst entstanden sind, geben Möglichkeit unmittelbar zu reagieren und auf unterschiedlichen Ebenen weiterzubestehen. Die Herausforderung besteht darin, ihnen konstruktiv beizukommen.

Die Entscheidung kollektiv in einer Gruppe zu arbeiten, bedeutet das Risiko der wechselhaften Verbindlichkeiten und damit verbundenen Schwankungen bewusst in Kauf zu nehmen. Die dabei entstehenden Konflikte fungieren dabei einmal als Fessel, ein andermal als Motor.

Das Arbeiten in einem Kollektiv ist wie Autofahren mit angezogener Handbremse: Dabei ist allerdings der Geschwindigkeitsverlust nicht als Schwäche zu verstehen, sondern als Vorteil, die Bremsleistung ist also der zu beachtende Gewinn, der es ermöglicht, dem narzisstischen Geltungs- und Entfaltungswahn des genialen Einzelkünstlers und genialen Kurators als Notbremse entgegenzuwirken.

Lust auf mehr!!!!!!!!

Vielleicht bildet gerade erst der Fokus auf die eigene Arbeit die Basis für unser gemeinsames Schaffen. Konflikte nähren und laden unsere Treffen auch auf. Die enorme Aufmerksamkeit, die wir als Gruppe haben, verbunden mit zeitweise sehr effizienter Kommunikation, macht uns immer wieder sehr reaktionsfähig, agil und kritisch. Ausserdem, wie jeder weiß, fallen innerhalb einer Gruppe leicht Hemmschwellen, tatkräftig für oder gegen Etwas zu stehen. Das ist eine tolle Tatsache, die man nützen sollte.

In den Konflikten, welche individuell grenzüberschreitend aber auch einschränkend wirken können, ensteht ein Ungleichgewicht. Die beim ausballancierende Bewegung, bringt neue meist unvorhergesehene Muster in einem breiteren Spektrum zu Tage. Saugeil! Als wesentlich dabei empfinde ich die freiwillige Entscheidung, gegeben durch die Möglichkeit, nicht mitzumachen.

alle für einen 

einer für alle

Diese Gruppe besteht genau so wie jede andere Klasse/Gruppe aus Studenten/Personen/Künstlern, die eine eigene Arbeit praktizieren. Ideen für Projekte werden meist von eben diesen Einzelpersonen in die Gruppe getragen, die sich im besten Falle dann ausführlich mit einer Thematik beschäftigt. In Diskussionen werden differenteste Ansichten der verschiedenen Positionen beleuchtet und angesprochen. Manch einer bringt sich mehr ein, andere weniger. Soviel zur Aufgabenverteilung. Es gibt immer wieder Punkte, an denen eine Unsicherheit des Weitermachens spürbar wird. Genau diese Punkte versprechen jedem der sich integriert, an einem Projekt mit zu feilen und Ideen umzu- setzen. Gleichzeitig besteht für jedes Mitglied immer die Möglichkeit, sich aus Projekten auch im laufenden Prozess auszuklinken, wenn es merkt, dass die eigene Zielsetzung mit der der Gruppe nicht mehr kongruent ist. Eitelkeiten sind genau so präsent wie sie in jedem künstlerischen Kontext präsent sind. Doch hier wirkt die Gruppe als Auffangbecken für eben diese, was nicht immer funktioniert.

Ja, das Konfliktpotential ist hoch. Entscheidend für das Bestehen der Gruppe ist aber, dass die einzelnen Mitglieder nicht die Lust daran verlieren, diesen beizukommen. Diese Lust existiert nur, solange ein tatsächliches Interesse an den individuellen Akteuren der Gruppe besteht. (Also auch an den regelmäßigen Zusammenkünften und zwischenmenschlichen Beziehungen…) Ein ledigliches Interesse am Fortbestand der Gruppe als abstrakte Struktur – aus welchen Gründen auch immer – führt auf Dauer zu ihrer Auflösung oder zu einer autoritären Organisation.

Es war ein unglaublich zäher Prozess, aber zumindest im Nachhinein scheint es mir deshalb absolut notwendig, dass wir uns ein Jahr lang getroffen haben, versucht haben gemeinsam zu arbeiten, zu kochen, versucht haben gemeinsame Ziele zu definieren ohne dabei konkret messbaren Output zu generieren. Auf der anderen Seite erlebe ich diese offene Form der kollektiven Praxis auch als Problem. Es ist manchmal schwierig kollektiv aktiv zu werden. Es herrschte bisher eine gewisse Abhängigkeit von äußeren Gegebenheiten/Umständen/Anlässen, die es uns ermöglichen zu reagieren.

Versteht man die Gruppe als lose, fluktuierende Form, die sich in dauernder Bewegung befindet, so ist es das, das ständige Kommen und Gehen, welches sie am Leben erhält. In unterschiedlichen Konstellationen zu operieren, dabei auch die Moeglichkeit zu haben als Einzelposition, ob mit individueller oder kollektiver Absicht, zu agieren, führt zwangsläufig auch zu Konflikten. Wunderbar. Diese sind weniger zerstörend, vielmehr stabilisierend und bilden Basis zur Diskussion als auch Treibstoff zur Weiterentwicklung.